{"id":239243,"date":"2025-01-02T18:48:22","date_gmt":"2025-01-02T17:48:22","guid":{"rendered":"https:\/\/peter-dern.com\/?p=239243"},"modified":"2025-01-02T18:48:23","modified_gmt":"2025-01-02T17:48:23","slug":"sexismus-lebt-vom-mitmachen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/peter-dern.com\/en\/sexismus-lebt-vom-mitmachen\/","title":{"rendered":"Sexismus lebt vom Mitmachen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Warum wir unsere Berufe entgendern m\u00fcssen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Neulich kam eine gute Freundin zu mir und beschwerte sich \u00fcber strukturelle Benachteiligung in Business. Sie sieht einfach keine Karrierechancen trotz akutem Fachkr\u00e4ftemangel. Dabei hat sie eigentlich viel anzubieten:<\/p>\n\n\n\n<p>Sie war viele Jahre F\u00fchrungskraft in einem DAX-Unternehmen, leitete erfolgreich Field-Service und Sales-Teams mit millionenschweren Budgets. In einem MDAX-Unternehmen hat sie den Weg in HR eingeschlagen, \u00fcbernahm die Corporate University wo sie 2017 die Auszeichnung f\u00fcr die \u201eBest Corporate University Worldwide\u201c und im gleichen Jahr den \u201ee-Learning-100!\u201c Award erhielt. Als direct report zum Vorstand wurde sie Senior Vice President und verantwortlich f\u00fcr Talent Development und Corporate Culture. Sie war seit Jahren in diversen Gremien aktiv, von Industrie 4.0 Arbeitsgruppen \u00fcber acatech bis zur Allianz der Chancen. Sie ist Vorst\u00e4ndin eines europ\u00e4ischen Verbands von Weiterbildungsunternehmen, hat B\u00fccher im Kontext von hybridem Arbeiten, Denkfehler und Biases sowie Design Thinking geschrieben, ist Speakerin, aktiv in Podcasts, betreibt einen eigenen Newsletter zum Thema Decision Making und postet regelm\u00e4\u00dfig auf LinkedIn. 2025 hat sie sich als Unternehmensberaterin und Coach selbst\u00e4ndig gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit l\u00e4ngerem war sie auf LinkedIn \u201eoffen f\u00fcr Job-Angebote (f\u00fcr Recruiter)\u201c. Was glauben Sie: wie viele Headhunter-Anfragen f\u00fcr Jobs in HR hat sie in den letzten 24 Monaten bekommen, bevor sie sich selbst\u00e4ndig machte?<\/p>\n\n\n\n<p>Es waren exakt 0.<\/p>\n\n\n\n<p>Daf\u00fcr mag es viele Gr\u00fcnde geben. Die Dame war \u00fcberqualifiziert, nicht genug fokussiert, in den \u201erichtigen\u201c Kreisen nicht gen\u00fcgend vernetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht lag es aber einfach nur daran, dass sie gar keine Frau war. Sondern, m\u00e4nnlich, wei\u00df und Mitte 50 (als sie \u2013 pardon \u2013 er sich selbst\u00e4ndig machte).<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich diese Geschichte erz\u00e4hle, ernte ich die unterschiedlichsten Reaktionen \u2013 oft in die Richtung von \u201eman nennt das positive Diskriminierung, und die muss sein, damit sich was \u00e4ndert\u201c, bis hin zu \u201eRecht so! Jetzt siehst du, wie es Frauen sonst \u00fcberall die ganzen Jahre ging\u201c. Eine befreundete CHRO sagte unl\u00e4ngst zu mir \u201eJa, das ist leider so, und ich glaube, wir \u00fcbertreiben es in HR grade etwas\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir geht es mit dem Blogbeitrag nicht darum, pers\u00f6nlich \u00fcber diese Situation zu jammern. Ich habe ganz bewusst den Schritt in die Selbst\u00e4ndigkeit gew\u00e4hlt und m\u00f6chte auch nicht mehr im Corporate Umfeld fest angestellt sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich finde nur die dahinter versteckte strukturelle Genderselektion sehr bedenklich. Wenn sich Unternehmen eine gr\u00f6\u00dfere Frauenquote damit sch\u00f6nrechnen, dass sie Bereiche wie HR oder Marketing \u201everweiblichen\u201c, aber andere weiterhin m\u00e4nnlich dominiert halten, dann erinnert mich das sehr an die Worte eines Ex-Bundeskanzler von \u201eFrauen und Ged\u00f6ns\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Wollen wir wirklich eine Gesellschaft, in der es auf der einen Seite fast nur noch Lehrerrinnen, Erzieherinnen oder Assistentinnen gibt, und auf der anderen Seite nur Ingenieure, Piloten und Automechaniker? Ich hatte mal gehofft, wir w\u00fcrden davon wegkommen. Schau ich mir aber in einem typischen deutschen Unternehmen ein Team-Meeting einer HR-Abteilung und eines von Software- oder Produkt-Entwicklern an (im ersten 95% Frauen, im zweiten 85% M\u00e4nner), dann habe ich daran meine Zweifel.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist die Antwort darauf? Nun, sicher nicht der immer uns\u00e4glicher werdende Geschlechterkampf, wo es vielen Aktivist*Innen nicht mehr darum geht, Gleichberechtigung herzustellen oder das Patriarchat durch eine offene, freie Gesellschaft zu ersetzen, in der Geschlecht, Alter, Herkunft oder sexuelle Orientierung wirklich keine Rolle mehr spielen, sondern um die Einf\u00fchrung eines Matriarchats, verbunden mit der Ablehnung und Verdr\u00e4ngung all dessen, was ver\u00e4chtlich als m\u00e4nnlich bezeichnet wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen wieder zu einem Miteinander finden, nicht gegeneinander. Wenn wir schon Quoten einf\u00fchren, um Dysbalancen zu beheben, dann bitte \u00fcberall: Quoten f\u00fcr m\u00e4nnliche Erzieher, Pfleger, Assistenten der Gesch\u00e4ftsleitung, HR-Mitarbeiter, Tier\u00e4rzte, Hebammen (ja, das ist das offizielle Wort f\u00fcr diesen Beruf, auch f\u00fcr M\u00e4nner).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Tats\u00e4chlich gibt es in vielen Berufsgruppen eine massive Unterrepr\u00e4sentation von M\u00e4nnern (Frauenanteil in Prozent): \u00a0<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erziehungs-, soziale und hauswirtschaftliche Berufe, Theologie<\/strong>: 83,7\u202f%.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Medizinische Gesundheitsberufe<\/strong>: 81,4\u202f%.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nicht-medizinische Gesundheitsberufe, K\u00f6rperpflege, Wellness, Medizintechnik<\/strong>: 78,6\u202f%.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Recht und Verwaltung<\/strong>: 75,0\u202f%.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Reinigungsberufe<\/strong>: 74,3\u202f%.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Verkauf<\/strong>: 70,9\u202f%.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sprach-, Literatur-, Geistes-, Gesellschafts-, Wirtschaftswissenschaften<\/strong>: 66,8\u202f%.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Unternehmensorganisation und -f\u00fchrung (B\u00fcro)<\/strong>: 65,1\u202f%.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Tourismus, Hotel, Gastronomie<\/strong>: 65,0\u202f%.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Finanzdienstleistung, Rechnungswesen, Steuerberatung<\/strong>: 62,1\u202f%.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Ranking basiert \u00fcbrigens auf Daten von Statista aus dem Jahr 2021 (<a href=\"https:\/\/courage-lounge.de\/die-10-berufsgruppen-mit-dem-hoechsten-frauenanteil\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/courage-lounge.de\/die-10-berufsgruppen-mit-dem-hoechsten-frauenanteil\/<\/a>)<\/p>\n\n\n\n<p>Was ich besonders schlimm finde, ist, dass Frauen selbst in diesen Berufsgruppen, in denen sie die Mehrzahl der Besch\u00e4ftigten stellen, immer noch massiv unterrepr\u00e4sentiert sind, wenn man in die F\u00fchrungsetagen schaut. Das zeigt f\u00fcr mich sehr klar, wie wenig es bringt, M\u00e4nner aus den F\u00fchrungsrollen mit Quoten k\u00fcnstlich wegzuhalten. Wenn Frauen selbst in Berufsgruppen, wo es einen deutlichen \u00dcberschuss an weiblichen Talenten gibt (mit oft besseren schulischen Qualifikationen als die konkurrierenden M\u00e4nner) keine F\u00fchrungsrolle annehmen wollen, dann ist dieser Job offenbar nicht attraktiv genug f\u00fcr sie. Oder es gibt m\u00f6glicherweise ganz andere Gr\u00fcnde und individuelle Interessen, die einer (Macht-)Karriere entgegenstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Solange wir Jobs oder Rollen immer noch mit m\u00e4nnlich und weiblich konnotieren, werden m\u00e4nnlich und weiblich gelesene Menschen sich diesen \u201eNormen\u201c entsprechend verhalten. Solange wir die Nase r\u00fcmpfen \u00fcber einen Erzieher im Kindergarten, weil er offenbar nicht genug Eier hat, sich in den Wettstreit mit anderen Alphas um die bestbezahlten Jobs (egal was man dort arbeitet) begibt, werden M\u00e4nner den von ihnen erwarten Karriereweg beschreiten. Solange M\u00fctter ihre Kinder nur mit Bauchgrummeln in einen Kindergarten geben w\u00fcrden, der nur von M\u00e4nnern betrieben wird (OMG, welche grauenhafte Vorstellung!), werden M\u00e4nner Kinderg\u00e4rten als Ort zur Selbstverwirklichung scheuen. Solange Frauen glauben, noch h\u00e4rter und sowieso immer \u201ebesser\u201c als ihre m\u00e4nnlichen Konkurrenten sein zu m\u00fcssen, wenn sie selbst nach Macht und Kohle streben, werden wir an der Schieflage des Systems nichts \u00e4ndern. Wir k\u00f6nnen nicht nur einseitig versuchen, Frauen in \u201eM\u00e4nner\u201c-Berufe zu k\u00f6dern, wir m\u00fcssen alle Berufe entgendern. Und auch Macht und Karriere entm\u00e4nnlichen und nicht verweiblichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie schwer es ist, gegen die Schere im Kopf vorzugehen, zeigt eine nette \u00dcbungsaufgabe, die ich mit einer Kollegin f\u00fcr ein Diverstiy-Training entwickelt habe. (Die Kollegin stammt aus UK, hat selbst einen Migrationshintergrund und ist erkennbar keine Britin \u2013 ich erw\u00e4hne das nur, weil sie allein deshalb f\u00fcr eine solche Aufgabenstellung f\u00fcr viele Leute glaubw\u00fcrdiger ist, ein 59-j\u00e4hriger m\u00e4nnlicher, wei\u00dfer Kollege aus Dresden es je sein k\u00f6nnte.)<\/p>\n\n\n\n<p>Bei dieser Aufgabe wurden Probanden gebeten, f\u00fcr eine Stellenausschreibung die passenden Kandidaten zu finden. Um s\u00e4mtliche Bias bez\u00fcglich Herkunft, Hautfarbe, Religion, Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung oder irgendwelcher Behinderungen zu vermeiden, wurden die Kandidaten nur mit Nummern versehen und alle biometrischen Informationen geschw\u00e4rzt. Dann sollte \u2013 allein auf Grundlage der Qualifikationen \u2013 eine Rangliste erstellt werden, nach der die Kandidaten zum Interview eingeladen (oder, weil unpassend) gleich aussortiert werden. Wir haben anschlie\u00dfend die Identit\u00e4ten der bevorzugten und aussortierten Personen bekannt gegeben und den Probanden die M\u00f6glichkeit geboten, ihre Entscheidung nochmal zu \u00fcberdenken. Und hier zeigten sich sowohl Bias als auch Framing in ihrer vollen Wirkung. Wir hatten n\u00e4mlich fieserweise die am besten bewerteten Leute mit dem (f\u00fcr den Job) \u201eunpassenden\u201c Geschlecht versehen (z.B. waren es M\u00e4nner in Frauenberufen) oder die aussortierten mit der \u201eunpassenden\u201c Herkunft oder Hautfarbe (z.B. eine schwarze Person bei US-amerikanischen Teams).<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gab es Kommentare wie \u201edas k\u00f6nnen wir so nicht machen, es sieht dann ja so aus, als h\u00e4tten wir die schwarze Bewerberin diskriminiert.\u201c Oder: \u201eWenn wir einen Mann auf Platz 1 der Shortlist setzen, dann kriegen wir das nie bei unserer Chefin durch.\u201c Wie gesagt, es war ein Diversity-Training, und da wollte sich niemand nachsagen lassen, er oder sie sei rassistisch oder sexistisch. Aber ironischerweise sind es genau die gleichen Denkmuster, wie man sie in umgekehrter Richtung kennt: \u201eEine Frau als Vorstand f\u00fcr Produktentwicklung? Blo\u00df nicht \u2013 bei HR meinetwegen, da passt es ja &#8230;\u201c Das wahre Problem ist also: wie haben die Berufe in unseren K\u00f6pfen gegendert. Und daher mein Appell: <em>dieses<\/em> Problem m\u00fcssen wir l\u00f6sen. Und das geht nur, wenn wir es in <em>beide<\/em> Richtungen angehen! Also mehr M\u00e4nner in \u201eFrauenberufe\u201c, bis dieses Wort keinen Sinn mehr ergibt. Und nat\u00fcrlich auch weiterhin mehr Frauen in \u201eM\u00e4nnerberufe\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Und noch eins: Solange Macht und Geld M\u00e4nner f\u00fcr Frauen attraktiv macht (und Frauen f\u00fcr M\u00e4nner unattraktiv), werden wir auch auf der F\u00fchrungsebene nichts \u00e4ndern. Egal, wie sehr wie irgendwelche Quoten bem\u00fchen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum wir unsere Berufe entgendern m\u00fcssen Neulich kam eine gute Freundin zu mir und beschwerte sich \u00fcber strukturelle Benachteiligung in Business. 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